Bela reist am Abend ab

Auszug aus „Bela reist am Abend ab“, Carola Lepping, 1956, Seite 44 – 47, ausgezeichnet mit dem Charles-Veillon-Preis.

Das Putzwasser von Laden und Werkstatt schüttet Bela nie im Spülstein aus. Sie geht damit durch die hintere Tür über den kleinen Hof, an der rechten Hausecke der Färberei vorbei, noch fünf Schritte, dann ist sie an der Flussmauer.

Es nieselt nicht mehr. Es zieht. Die Schürze flattert und sie friert. Aber dies bleibt geübt und vergnüglich: An die Mauer und das Wasser des ersten Eimers in schönem, weitem Schwung in den Fluss hinein! Das ist ein Fluss! Ach, das ist ein Fluss. Das ist gar kein richtiger Fluss.
Und Bela nimmt den zweiten Eimer, und im Augenblick, als sie sich wegwendet von diesem trüben, müden, trauervollen kleinen Wasserspiegel, von diesem betrogenen, im Stich gelassenen, überwältigend winzigen Wasser, sieht sie ihn vor sich, den Fluss:

5 Carola Lepping

Seine Mühsal. Seinen Schmutz. Seine leidvolle Verfärbung. Und diesen schwarzen, riechenden, mitleidlosen Betrug, den man an ihm verübt. Immer schon verübt hat, seit er Fluss ist. Diesen Missbrauch, diesen gehäuften, sehr alten Missbrauch.

Und dasd man ihn nie liebte. Das kein Kind seiner großen Stadt je Anlass fand, ihn zu lieben. Das nirgendwo Schilf wächst. Und das die kleinen Wasserhühner ihn verlassen haben. Schon lange, weit, weit zurück, im Augenblick, als er Fluss wurde.

Das kein Schiff auf ihm fährt und nicht einmal ein kleines Boot ein wenig auf ihm treiben kann. Nachts, wenn er allein ist, der Fluss, wenn die Bahn, diese grausame Bahn, endlich Ruhe gibt und ihn in die Stille entlässt. Dass dann nie ein Boot auf ihm treiben kann, nie, solange er denken kann. Wie doch auf anderen Flüssen nachts die Boote treiben.

Und das er keine Ufer mehr hat. Lange, lange schon das Ufer entbehrt, seit er erwachsen ist, und es dann nie mehr wiederfand. Das man ihm seine Ufer einfach nahm und hohe Mauern setzte. Und das er nur zuweilen diese Ränder auftauchen sieht, wenn sein Wasser niedrig steht. Diese verweinten, verdorbenen, bräunlichen Konservendosenränder. Und man wirft sie mit Abfall zu. Oh, besser schon auch diesen dürftigen, kleinen Rand nicht mehr.

Und das er keinen Himmel hat. Nur dieses Eisengerüst über sich. Und daran die Bahn, diese zähe, lästige, laute Bahn. Und keine Wolken. Andere Flüsse haben Wolken über sich. Er hat nur die Bahn, und durch die Lücken der Eisensparren schimmert zuweilen das dichte, unnachgiebige, gütige Grau des Himmels seiner Stadt. Und immer wieder, das er ungeliebt ist von den Booten, von den Wasserhühnern, von den Kindern. Denn wer vermöchte einen solchen Fluss zu lieben?

Und Bela stellt den Eimer wieder hin und, die Hände auf die Mauer gestützt, beugt sie sich tief über ihn. Sie hat an ihm gewohnt. Sie ist hier keine zwanzig Schritt von ihm geboren. Seine Nebel haben ihr oft Halsweh gemacht. Seine Kühle hat sie oft frieren lassen. Und sie sieht ihn an, wie er da zieht. Und sie erinnert sich, dass er viele Brücken hat auf dem Wege durch die Stadt. Aber das man auf ihnen immerzu den Fluss vergisst. Das man nie an ihre Brüstungen tritt, um ihn anzusehen, wie man es sonst wohl tut auf den anderen Brücken anderer Flüsse. Das er wohl hier in der Stadt fließt, aber niemand an ihn denkt. Das er schlecht riecht und schmutzig ist, und das man ihn an manchen Tagen im Sommer hasst, seines Geruches wegen.

Und sie sieht ihn an, -und es geht ihr auf, das er immer neben ihr war, und dass sie ihn nie, keinen Augenblick ihres langen, langen Lebens geliebt hat. Und sie hat so vieles geliebt, das es nicht wert war, geliebt zu werden. Aber den Fluss hier, den hat sie nie geliebt. Und nun zieht er und zieht er, ohne Freude, ohne Erwartung, ohne Hoffnung. Er wird es nicht einmal wissen - aber Bela weiß es - wie er umsonst sich freuen, umsonst erwarten, umsonst hoffen würde — täte er es — denn es wird niemals besser mit ihm. Und tief nach vorne übergeneigt sieht sie ihn an: seine Trübe, seine Bürde, seinen Geruch, und wie man ihn um alles gebracht hat. Und wie er nun fortzieht von Bela, und sie hat alles an ihm versäumt.

Und mitten am Tag, zehn Uhr morgens, und zwei Schritt hinter ihr die Färberei mit den vielen Leuten und über ihr alle sechs Minuten die Flussbahn voller Menschen, vergisst sich Bela und beginnt zu weinen. Es ist wegen Läuer — denkt Bela verzweifelt —, es ist gar nicht der Fluss!

Und sie schließt die Augen und bleibt stehen und wünscht angstvoll, dass niemand über den Hof kommen und sie sehen möge. Und sie hat auch kein Taschentuch. Aber es geht bald vorüber. Eine Bahn kommt. Sie sieht hinauf. Roter Unterbau, gelber Oberbau, schäbig, lästig, laut. Als sie vorbei ist, treibt ein neuer Windstoß den Himmel auseinander. Belas Schürze fliegt, und sie friert. Sie zieht die Ärmel ihres Pullovers länger. In diesem Augenblick beginnt der Fluss zu glänzen. Irgendwo bricht Licht durch das Gerüst. Ach, und er beginnt zu glänzen! Nun sieht man, dass er fließt. Nun sieht man seine Wellen. Bela — über ihn geneigt — sieht ihn an. Und sie sieht, wie das Licht, dieser seltene, kostbare, fremde Gast, ihn verschont.

Da nimmt sie rasch die leeren Eimer und dreht sich weg und geht eilig fort. Schnell, ehe diese trügerische Zärtlichkeit den Fluss verlassen kann.