„Mein Name ist Wupper“

Selbstporträt eines Flusses

 

Bei allem, das später aus mir geworden ist, sollte man meine Jugendtage und meine Jungmädchenzeit nicht vergessen. Wer mich anschaut, wird nicht glauben wollen, welche hübsches Ding ich einmal war! Hell, klar kapriziös und federnd in meinen Bewegungen, ausgelassen und übermütig von Stein zu Stein hüpfend, noch ein wenig labil in meinen Anschauungen, ein wenig kokett verspielt. Kurz, genau das, was man von einem jungen Ding erwartet. Ach, war das eine schöne Zeit, damals! Aber es geht mir nicht besser als jedem anderen auch. Der Ernst des Lebens ergoss sich in mich. Da hat man aus dem schönen „Fräulein Wipper“ die "Madame Wupper" gemacht. Das galt natürlich meinen Hüften. Aus dem leichten, springenden "i" machte man ein verächtlich klingendes "u". Ganz einfach ging das: ein „Beinchen“ zu dem "i", und man hatte der breithüftigen Schlampe einen Namen gegeben.

Ja, ich bin eine Schlampe, aber ich bin so nicht aus mir selbst geworden, etwa auf Grund meiner Veranlagung, o nein, man hat mich so gemacht. Die breiten Hüften machten mich nicht zur Schlampe; das bringen die Jahre mit. Was mich zur Schlampe machte, das waren die Ausgüsse der Städte mit ihren Industrien! Man muss es mal gesehen haben. Alles rein damit, denkt man, die olle Wupper‘sche nimmt schon alles mit! Was bleibt mir übrig. Ich bin in die Fron (veraltet für: unbezahlte Gemeinschaftsarbeit) gezwängt worden. Ich bin wider Willen die Reinemachefrau für jedermann. Was die Fische dazu sagen würden, kümmert niemanden. Aber die können seit Jahrzehnten auch nichts mehr sagen. Sie sind alle kaputt.

Heute führe ich Phenol und Matratzen, Rohöl, Jauche und Türkischrot mit mir. Jawohl, ich bin eine Schlampe geworden, oder will man meinen Geruch als den Duft, der eine schöne Frau begleitet, bezeichnen. Mir ist das heute recht so. Bitte, ich habe mich daran gewöhnt. Mit der Zeit erträgt man eben alles.

Ich bin eine Schlampe und bleibe es auch, trotz kosmetischer Versuche an meinen Ufern. Begradigungen verändern zwar etwas die Figur, aber Farbe und Geruch bleiben.

Ach, man kann das Leben schon leid werden. Und dennoch, sonderbar, ich werde stündlich neu, obgleich ich stündlich vergehe, einmünde in den großen Strom, sonderbar, wie die Menschen, die an meine Ufer kommen. - Sonderbar!

 

Text von: Kurt Wurthmann, Opladen aus dem Bergischen Heimatkalender 1956, zur Verfügung gestellt von Peter Dominik, 2004 nach der Quelle : Heimatkalender 1956